Folgen der Haft

Die Verfolgungserfahrungen der ehemaligen Inhaftierten beeinflussten auch das Leben ihrer Familienangehörigen. Diese übernahmen teilweise die Traumatisierungen oder Angststörungen ihrer Eltern und Großeltern. Teilweise wurden die NS-Verfolgungserfahrungen verschwiegen. Erst mit großem zeitlichem Abstand erfolgte häufig ein verstärktes Nachfragen und Auseinandersetzen der Kinder- und Enkelgeneration. Nach der Befreiung des Strafgefängnisses Wolfenbüttel kehrten die meisten der Gefangenen in ihre Heimatländer bzw. zu ihren Familienangehörigen zurück. Der Rückweg war teilweise chaotisch, mühsam und vor dem eigentlichen Kriegsende mit Gefahren verbunden. Angehörige forschten nach dem offiziellen Kriegsende nach dem Verbleib von Verhafteten. Sie erfuhren von der Inhaftierung und dem Tod ihrer Familienangehörigen. Häufig ließen sie die auf Wolfenbütteler Friedhöfen Beerdigten exhumieren und in ihre Heimatländer überführen. Dort hatten sie einen Ort für ihre Trauer und konnten ihre Andenken bewahren.
Einfluss auf die Erinnerungskultur

Überlebende prägten in hohem Maße die Erinnerungskultur in Bezug auf das Strafgefängnis Wolfenbüttel und die Hinrichtungsstätte. Ehemalige belgische Häftlinge gründeten 1948 einen Überlebendenverband der politischen Gefangenen. Der Überlebendenverband hatte für seine Mitglieder wichtige Aufgaben als Kommunikationsort für Verfolgungs- und Hafterfahrungen, als Interessenvertretung, unter anderem für soziale und medizinische Hilfen sowie für die Durchsetzung von Entschädigungsansprüchen.
Die meisten der zurückgekehrten NS-Verfolgten hatten Haft- und Gesundheitsschäden erlitten. Überlebendenverbände kämpften für Entschädigungsleistungen und forderten in öffentlichen Veranstaltungen von ihren Regierungen die Durchsetzung von Entschädigungsabkommen. Mehr zu diesem Thema finden Sie hier.
Engagement heute

Die persönliche Auseinandersetzung mit der Hafterfahrung geschah teilweise bereits während der Haftzeit in Form von Tagebuchaufzeichnungen und künstlerischer Verarbeitung. Nach der Befreiung erschienen Erinnerungsberichte von Überlebenden, zum Beispiel das Buch „Feindbegünstigung“ von Jean-Luc Bellanger im Jahr 2018.
Seit der Befreiung des Strafgefängnisses 1945 besuchen ehemalige Gefangene und Familienangehörige von Inhaftierten und Hingerichteten Wolfenbüttel. Regelmäßig nehmen sie an den Veranstaltungen anlässlich der Befreiung des Strafgefängnisses teil. Die Besuche finden individuell oder im Rahmen von Gruppenfahrten von Überlebendenverbänden statt. Seit 2016 treffen sich die Angehörigen jährlich auf Einladung der Gedenkstätte bei „Familientreffen“. Dort finden sie die Möglichkeit des Gesprächs über die Auswirkungen der Hafterfahrungen bzw. Hinrichtung eines Familienmitglieds auf ihr Leben. So individuell wie die Menschen sind auch die Nachwirkungen der Erfahrungen, die sich teilweise über mehrere Generationen strecken.
